50. Rennen „Rund um den Finanzplatz Eschborn-Frankfurt Überraschungssieger John Degenkolb gewinnt sein erstes Profirennen auf deutschem Boden
Bunte Trikots fliegen durcheinander, halsbrecherisch stürzen sich schnelle Männer auf zwei Räder dem weiß getünchten Zielstrich auf Höhe der Alten Oper entgegen. Mehr als 50 Profis auf der Suche nach der besten Lücke, die nach 201,5 Kilometer für John Degenkolb reserviert war. „Erst 50 Meter vor dem Ziel öffnete sich der entscheidende Spalt und ich bin sofort durchgestochen“, sagte der 22 Jahre alte Neoprofi aus dem US-amerikanischen Team HTC-Highroad über seinen kraftvollen Sprint zum Sieg bei der 50. Auflage des deutschen Frühjahrsklassikers „Rund um den Finanzplatz Eschborn-Frankfurt“. Knapp hinter dem U23-Vizeweltmeister rollten der Belgier Jerome Baugnies (Topsport Vlaanderen-Mercator) und Rund-um-Köln-Sieger Michael Matthews (Rabobank) aus Australien geschlagen ins Ziel.
Der eigentliche Verlierer an diesem sonnigen Nachmittag hieß Fabian Wegmann, der sich zum Ziel gesetzt hatte, den dritten Sieg in Serie abzuliefern. Sein Traum platzte, weil ihm die Kette im Taunus riss. Wegmann grimassierte den Mammolshainer Berg hinauf, die Schmerzen ins Gesicht gemeißelt. Jeder Meter eine Qual. Die Aussicht auf den Triple-Rekord motivierte zwar Kopf und Beine, wenn das Material den Belastungen nicht standhält, ist aber an einen neuerlichen Erfolg nicht zu denken. Frustriert und deprimiert stand der 30 Jahre alte Wegmann nach der Zieldurchfahrt allein am Straßenrand und verfolgte aus der Ferne die Siegerehrung für Degenkolb. Dieser sieht sich selbst als einen Vertreter des neuen deutschen Radsports, dem das Thema Doping die Vorbilder nahm: „Ich hatte meine Idole, von denen damals einer nach dem anderen über die Klippe gesprungen ist“, sagte Degenkolb. Es sei wichtig, „dass es junge deutsche Rennfahrer gibt, die nach außen einen sauberen Radsport projizieren. Ich bin ein Beispiel dafür.“
An den selektiven Anstiegen im Taunus war Degenkolb durchgereicht worden. „Ich habe mich heute gar nicht gut gefühlt“, erzählte er, der im Ziel „alles nur unglaublich“ fand. Im Taunus zählte er zu den Abgehängten, „ich fuhr als Vorletzter den Mammolshainer Stich hoch“. Von seinem dritten Saisonsieg nach den Etappenerfolgen im März bei der Algarve-Rundfahrt und den Drei Tagen von Westflandern wagte er in diesem Moment nicht einmal zu träumen. „Für einen Neuprofi wäre es vermessen, in Frankfurt an einen Sieg zu glauben“, sagte Degenkolb, der vor dem Start nur unter die ersten Zehn wollte. Die Ausreißer schafften es aber nie, sich entscheidend abzusetzen und Degenkolb konnte von seinem Team wieder entscheidend in Position gebracht werden.
In den Sprint im Frankfurter Bankenviertel vermochte der eigentliche Star in Degenkolbs Team nicht mehr einzugreifen: Mark Cavendish, 15-maliger Tour-Etappensieger aus Großbritannien, zählte am Sonntag nur auf dem Papier zu den Favoriten, nutzte die Taunus-Schleife allenfalls als besseres Training für den anstehenden Giro d’Italia. Seine Welt sind die Berge bekanntlich nicht. Die Rennkilometer durch das Mittelgebirge waren aber wichtig auf seinem Weg zum eigentlichen Saisonhöhepunkt des Briten: die Tour de France.
Wann Degenkolb erstmals die Frankreich-Rundfahrt in Angriff nehmen darf, ist ihm momentan nicht wichtig. „Einen Schritt nach dem anderen“, sagte der Allrounder, der Anfang April beim Klassiker Paris-Roubaix mit Platz 19 ein Ausrufezeichen setzte und von seinem sportlichen Leiter Jens Zemke als „coole Socke“ geadelte wurde. „Wie John den Sprint gefahren ist, war schon klasse.“ Seine Feuertaufe bei einer dreiwöchigen Rundfahrt gibt der junge Mann aus Erfurt voraussichtlich im September bei der Vuelta à Espana. „John wird seinen Weg gehen“, sagte Zemke, „wenn das so weitergeht, wird der deutsche Radsport noch viel Freude an ihm haben.“